Fotografie

Ich bin in vielen Aspekten meines Lebens ein Spätzünder. Auch die Leidenschaft für die Fotografie erwischte mich erst, als ich schon eine vier vorne am Alter kleben hatte.

Herr Sixtus knipst. (Foto Winfried Veil)

Herr Sixtus knipst. (Foto Winfried Veil)

Leica ist Schuld daran. Vor einigen Jahren hatte ich einmal kurz die Gelegenheit, mit einer M8 zu fotografieren, der ersten digitalen Messucherkamera von Leica, und ich war hooked.

Leica M8: damit fing für mich alles an

Vermutlich war es die ganz eigene Art der Hand-, Auge- und Hirnhabung, die mich auf Anhieb verzauberte: Bei den M-Kameras von Leica schaut man nicht via Spiegelkonstrukt durch das Objektiv, sondern man blickt durch ein separates Sucherfensterchen, in das ein zweite Bild eines weiteren, versetzten und kleineren Suchers eingespiegelt wird. Das kleinere, einprojezierte Bild verschiebt sich fröhlich in der Horizontalen hin und her – und zwar synchron zum Drehen am Fokusring. Ein anvisiertes Objekt ist genau dann scharf gestellt, wenn das große und das kleine Sucherbild genau deckungsgleich sind. Klingt kompliziert und ist in der Tat gewöhnungsbedürftig – und eben ein ganz eigener Prozess.

Die erste M mit Vollformatsensor: Leica M9

Die erste M mit Vollformatsensor: Leica M9

Gerade wenn man das Fotografieren mit einer kleinen Digitalknipse oder einem Smartphone gewohnt ist, steht man am Anfang ziemlich hilflos mit dem M-Apparat in der Gegend herum. Erfahrungen mit einer Spiegelreflexkamera helfen nur bedingt weiter.

Was mich persönlich an dieser Art des Fotografierens fesselt, ist, wie die M während des Knipsvorganges das visuelle Zentrum im Hirn triggert: Man sieht ja nicht wirklich das, was man fotografiert – man schaut schließlich nicht durch das Objektiv, sondern durch ein separates Glasklötzchen. Das Bild entsteht somit vor dem Abdrücken gleichermaßen im Vorstellungs- und im Sehzentrum. Auf eine eigentümliche Art ist Fotografieren mit einer M somit tatsächlich der Umgang mit gedachten Bildern – allerdings mit real existierendem Foto-Output.

Ich empfinde diesen Prozess als eine sehr intensive Mensch-Apparat-Interaktion. Es ist ein wenig wie Cyborg-Sein: die Leica und ich, wir morphen zu einem organisch-feinmechanischen Fotoautomaten auf Beinen: Auge, Hirn, Hand und Gerät arbeiten dann als Viererteam. M-Fotografie ist Meditation mit Hilfe einer digitalen Kuckmaschine.

Was Kenner erkennen: Auf der Kamera klemmt hier ein Canon-Objektiv aus dem Jahr 1959.

Was Kenner erkennen: Auf der Kamera klemmt hier ein Canon-Objektiv aus dem Jahr 1959.
(Foto: Teymur Madjderey)

Mittlerweile besitze ich eine Leica M (240) und eine M9-P, und ich habe seit meinem initialen Erweckungsmoment ein mittleres Vermögen in Leica-Kameras und -Objektive investiert, und auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe: ich kann das einfach nicht bereuen.

Köln, Hbf, Gleis 1

Gestellte Fotografie reizt mich nur in Ausnahmefällen. Mode sollen andere fotografieren. Ich schieße die Welt gerne ab, wie sie sich mir gerade im Moment zeigt. Ich fotografiere auf der Straße, in öffentlichen Räumen und in halböffentlichen Situationen. Das ist juristisch natürlich oft genug eine Grauzone, was Persönlichkeitsrechte usw. angeht, aber in genau dieser Grauzone knipsen Fotojournalisten bereits seit rund 100 Jahren herum.

Nein, ich habe in Oslo diesen jungen Vater nicht vorher gefragt, ob ich ihn und seine Tochter fotografieren und das Bild dann ins Internetz stellen darf. Aber seine Tochter sorgt immerhin schon ganz alleine für ihre eigene Anonymisierung.

Die meisten meiner Fotos finden Sie auf Flickr. Abzüge, Drucke, Poster oder sonstige dingliche Inkarnationen meiner Bilder können Sie auf Sixtus.pics ordern.

Blick aus der 100. Etage des ICC in Hong Kong

Blick aus der 100. Etage des ICC in Hong Kong

Eine aktuell laufende Fotoserie, in die ich recht viel Zeit und Geduld investiere, nennt sich NOFAC.ES und man findet sie unter http://nofac.es.

NOFAC.ES 23, Tokyo, Japan, 2014

In der Regel publiziere ich alle meine Fotos unter Creative-Commons-Lizenz, genauer unter CC-BY-NC-SA, eine Lizenz, die eine Verwendung der Bilder für nichtkommerzielle Projekte aller Art erlaubt – online und offline. Wenn Sie hingegen eine kommerzielle Lizenz erwerben möchten, kontaktieren Sie mich bitte.

Im Januar 2014 stellte die Berliner Galerie 030 visuell Bilder aus der Fotoserie enscape aus, die ich von 2010 bis 2012 gemeinsam mit Nadia Zaboura produziert habe. Die Kulturstiftung des Bundes schrieb dazu:

“Unter dem Motto ‘Perhaps enscape is for free people, what escape is for prisoners’ erforschen Mario Sixtus und Nadia Zaboura mit ihrem Fotoprojekt enscape den Raum zwischen Identität und Objektivität – mittels Isolation, Versteckspiel und Synthese. Sie ermöglichen dabei eine neue Perspektive auf die gegenwärtig diskutierte Frage, welchen Platz das Individuum innerhalb dieser massetauglichen, auf System und Struktur basierenden Welt findet. Die auf ausgedehnten Reisen entstandenen Fotos thematisieren Verborgenheit, Einsamkeit, Freiheit. Anders allerdings als in einer klassischen Robinsonade befindet sich das isolierte Individuum in ihren Bildern weniger auf einer abgelegenen Insel als vielmehr in der uns allen bekannten postindustriellen, technologisierten, konsumorientierten Welt. Und doch drückt sich darin eine Abnabelung von diesem zivilisierten Stück Menschheit aus: Eine Ent-Netzung innerhalb der Vernetzung, ein Schlafen im öffentlichen Raum.”

Menschen, die auf Bilder schauen: Vernissage der enscape-Ausstellung in Berlin, Januar 2014

Im September 2014 waren einige meiner Fotos in der Gruppenausstellung “Urban Portraits” in der Casina Valadier in Rom zu sehen:

Rom, Sommer 2014, Ausstellung "Urban Portraits"

Rom, Sommer 2014, Ausstellung „Urban Portraits“

Im Oktober 2016 stellte das St. Oberholz in Berlin Fotos meiner Serie nofac.es aus.

Erste Solo-Ausstellung in Berlin: nofac.es

Solo-Ausstellung in Berlin: nofac.es

 

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Autor: Mario Sixtus