Politische Korrektheit – der potemkinsche Esoterik-Begriff

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Irgendwann in jüngster Vergangenheit muss es passiert sein: Das „politisch Korrekte“ hat ganz offensichtlich gesiegt. „Politische Korrektheit“ ist anscheinend zur dominierenden Ideologie dieses Landes geworden. Das bezeugen jedenfalls gestandene Akteure des Zeitgeschehens:

„Ja, die Political Correctness ist überzogen worden“

beklagt sich etwa die CDU-Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschman warnt fast wortgleich:

„Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben.“

Derweil freut sich das rechte Kampforgan „Junge Freiheit“ über den Chef der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel: 

„Gabriel beklagt Political Correctness und Gendersprech“. 

Je weiter man in der Medienlandschaft politisch nach rechts schaut, um so größer wird der Sieg der „politischen Korrektheit“ eingeschätzt. In „Focus Online“ etwa darf der „Weltwoche“-Chefredakteur Roger Köppel über

„die internationalistische Einheitspartei der Gutmenschen und politisch Korrekten“

daherreden. Beim reaktionären Blog „Tichys Einblick“ glaubt Anabell Schunke, den ollen CDU-Slogan von „Freiheit oder Sozialismus“ in Kulturkrieg-Variante neu beleben zu müssen:

„Was ist uns am Ende wichtiger? Immer politisch korrekt gewesen zu sein oder die Freiheit verteidigt zu haben?“

und noch einen Schritt weiter rechts, beim Kopp-Verlag, kann man gleich ein 320-Seiten-Buch des Verschwörungstheoretikers Udo Ulfkotte kaufen. Überschrift des Klappentextes:

Die Diktatur der Gutmenschen. Jetzt reicht’s: Schluss mit dem politisch korrekten Wahnsinn!

#Puh.

Den Weg dorthin habe ich offenbar nicht mitbekommen: Ich muss die vielen Demonstrationen für mehr „politische Korrektheit“ verpasst haben. Ich muss all die Buch-Neuerscheinungen übersehen haben, die Titel trugen wie „Politische Korrektheit – Jetzt!“ und „In zwei Wochen zum korrekten politisch Korrekten“. Mir sind offenbar auch auch all die Parteien entgangen, die ihren Wählern versprachen, Deutschland „politisch korrekt“ auszurichten. All die Wahlplakate mit „Freiheit, Gleichheit, politische Korrektheit'“ und die „Ohne PeeCee schaffen wir es nie!“-Sprechchöre sind ebenso unbemerkt an mir vorbei gezogen wie die Regierungserklärungen, die öffentlich das Ziel ausgaben, Deutschland „politisch korrekt“ umzubauen. Warum habe ich Buzzfeeds „27 Gründe für politische Korrektheit“ verpasst, genau wie die allgegenwärtigen „I am PC“-Aufkleber auf Laptops?

Wie konnte das geschehen? Und vor allem: Wo sind die jubelnden Sieger? Wieso kenne ich persönlich zwar etliche Idealisten, Feministen, Internationalisten, Futuristen, Humanisten und Tierfreunde – aber keinen einzigen Menschen, der sich selbst als „politisch korrekt“ bezeichnen würde? Wie kann das sein?

Die schockierende Wahrheit: Es gibt gar keine „politische Korrektheit“. Es gibt davon weder zu viel, noch zu wenig, es gibt keine falsch verstandene, keine übertriebene, keine vorgeschobene.

Der Begriff „politische Korrektheit“ ist schlicht ein Phantom, ein potemkinsches Wort, eine virtuelle Vokabel. Denn es existiert keine verbindliche Definition für „politisch korrekt“. Es wurde in der Vergangenheit zwar von verschiedenen Seiten immer mal ein wenig daran herumgedeutelt, aber letztlich ist nichts davon eindeutig und dauerhaft geblieben.

Somit ist „Politische Korrektheit“ für jeden einzelnen Menschn lediglich das, was er sich darunter vorstellt, ähnlich wie es sich beim „Heiligen Geist“, bei den „Ewigen Jagdgründen“ oder bei „Kosmischen Energien“ verhält. „Politische Korrektheit“ ist ein esoterisches Konzept: sie existiert nur als das was man – und so lange wie man daran glaubt.

Das bedeutet auf der kommunikativen Ebene: Der Begriff ist lediglich eine höchst emotional aufgeladene Hülle ohne Inhalt. Eine verbale Seifenblase unter Strom. Ein rein virtuelles Dings.

Dabei ist es völlig unerheblich, dass „Political Correctness“ angeblich mal ein ironischer Begriff der studentischen Linken in den USA war, bevor er in anderen politischen Lagern Karriere machte. Entscheidend ist allein, wie er jetzt und seit mittlerweile rund 20 Jahren eingesetzt wird.

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

„Politische Korrektheit“ ist gar kein Konzept, sie ist auch keine Ideologie: sie ist vielmehr ein rhetorischer Trick.

Praktisch niemand nennt sich selbst „politisch korrekt“ oder definiert sich als Angehöriger einer „Bewegung der politisch Korrekten“ Niemand stellt demnach politische Forderungen im Namen der „politischen Korrektheit“ auf. Im Gegenteil: „Politische Korrektheit“ wird seit Ende der Neunzigerjahre ausschließlich als Negativum eingesetzt, als Diffamierung, als Schimpfwort oder als vorgebliche Ursache für wasauchimmer.

Das ist für die Verwender dieses Begriffs äußerst angenehm: Da es sich um einen esoterischen Hohlbegriff handelt, kann man mit dessen Hilfe nahezu jeden möglichen Unfug behaupten, ohne direkt als Unfug-Behaupter ertappt zu werden. Noch praktischer: Da sich niemand angesprochen fühlt, wird auch niemand widersprechen.

Wenn beispielsweise das rechtslibertäre Magazin „Eigentümlich Frei“ hyperventiliert:

Propaganda und Meinungskontrolle: Der Politischen Korrektheit geht es um Überwachung, nicht um Umgangsformen

dann muss sich die Publikation keine Sorgen machen, dass jemand mit einem entschlossenen „Hey, Unverschämtheit! Mir als ‚politisch Korrektem‘ geht es gar nicht um Überwachung und Meinungskontrolle!“ widerspricht. Auch ein „Hey! ‚Politische Korrektheit‘ hat mit Überwachung überhaupt nichts zu tun, das sagt doch schon die Definition!“ muss das eigentümliche Online-Magazin nicht fürchten.

Für die reaktionären, rückwärtsgewandten, rechten Kräfte in der Gesellschaft ist dieser Zustand natürlich ein Fest: Sie haben eine nicht-existente Ideologie, der sie alle mögliche Schuld an von ihnen unerwünschten, gesellschaftlichen Änderungen zuweisen können –und niemand wird ihnen direkt widersprechen, da sich niemand dieser Phantasie-Ideologie zugehörig fühlt. Wow!

Die „politische Korrektheit“ kann also je nach Belieben zur kulturell-medialen Weltmacht aufgeblasen werden – was es dem Aufblaser wiederum erlaubt, die komfortable Position des angeblich unterdrückten, von Denk- und Sprechverboten umzingelten Dissidenten einzunehmen. Einen Absatz später können dann die „politisch Korrekten“ flugs zu Verlierern und Jammerlappen erklärt werden, etwa, wenn ein Milliardär unter Irrsinnsverdacht die Wahl zum US-Präsidenten gewinnt. Hurra! Triumph!

Ein rhetorischer Trick, dessen Nutzung es erlaubt, gleichzeitig unterdrückter Freiheitskämpfer und siegreicher Welteroberer zu sein. Wow!

Noch nie war es so einfach Recht zu haben – eine gut gepflegte Strohmann-Ideologie machts möglich: Nachrichtensendungen, die nicht das vermelden, was man gerne möchte; Politiker, die nicht so handeln, wie man selbst das für richtig hält; Kneipenbekannte, die nicht über den sexistischen Witz lachen, den man gerade gemacht hat; Frauen, die sich nicht mehr von Männern in die Zuhörerinnenrolle schubsen lassen; Migrantenkinder, die hübscher „Oh Du Fröhliche“ singen als der eigene Nachwuchs; Männer in Frauenkleidern, die Europäische Singwettbewebe gewinnen; deutsche Fußballnationalspieler, die Özil, Khedira Boateng heißen, Stehtische im Café Kranzler, die Abschaffung der D-Mark, der Reichsmark und MAN DARF NOCH NICHTMAL MEHR ZIGEUNERSCHNITZEL SAGEN!!!1!: Das ist alles doch diese „politische Korrektheit“ Schuld!

(Es gibt neuerdings den einen oder anderen Versuch, den Begriff „politisch korrekt“ den Reaktionären und Rechten wegzunehmen und ihn positiv umzudeuten. Ich halte das für schwierig. Die Aneignung und Umdeutung eines einstmaligen Schimpfwortes ist möglich – „schwul“ war beispielsweise mal eine Schmähung, bis die Schwulenbewegung den Begriff kaperte und ihn neu besetzte. Prima. Das „politisch korrekt“-Konstrukt ist mit seinen Strohmann-Esoterik-und-Phantom-Funktionalitäten aber wohl zu Komplex für solch eine Übernahme, fürchte ich.)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Und nun?

Ich denke, man sollte den Begriff einfach denen überlassen, die ihn sowieso schon inflationär nutzen. Wir Linken, Liberalen, Zukunftszugewandten, Zivilisierten, Empathischen können ja den rechten Hasskindern diese Strohpuppe zum Spielen lassen, während wir einfach weiter eine linke, liberale zukunftszugewandte, zivilisierte, empathische Gesellschaft bauen.

Hah!

Veröffentlicht von Mario Sixtus

Journalist, Autor, Fotograf

1 Kommentar

  1. Ich würde jederzeit politische Korrektheit verteidigen.

    Ich sag immer sowas: „Hey, das ist ein Kampfbegriff der Rechten, darauf muss ich mich nicht einlassen, aber wenn wir schon mal da sind, ich bin eigentlich ganz froh, dass wir mittlerweile so weit sind, dass man schwarze Spieler in Stadien nicht mehr mit Bananen bewirft. Wundert mich ein bisschen, dass Leute wie Sie sich das zurückzuwünschen scheinen. Wollen Sie wirklich für das Recht kämpfen, zu Kollegen Kanake und zu Frauen Fotze zu sagen?“

    Ist jetzt nicht so, dass man mir da oft direkt widerspricht.

Autor: Mario Sixtus