People’s Bookstore

Hong Kong, Causway Bay

In Causway Bay, einem dieser glitzernden Einkaufsbezirke der an glitzernden Einkaufsbezirken nicht armen Stadt Hong Kong, zeigte mir ein Freund einmal einen versteckten Buchladen: durch einen völlig unscheinbarer Eingang zwischen einer Parfümerie und einem Make-Up-Store, einen engen Flur entlang, mit Hinweisen an den Wänden auf ein „Adult Cinema“, das sich wohl irgendwo im Gebäude befand, dann eine  steile Treppe hoch in den ersten Stock.

Der ganze Laden war vielleicht 50, höchstens 70 Quadratmeter groß, vollgepackt mit Büchern in chinesischer Sprache. Der „People’s Bookstore“ richtete sich an Besucher vom chinesischen Festland und bot ihnen Literatur und Sachbücher, die in der Volksrepublik auf dem Index standen: Politik, Geschichte, Erotik, aber auch Klatsch und Verschwörungstheoretisches, wie mir mal jemand erklärte.

Ich bewunderte die Kunden in diesem Geschäft ein wenig. Aufgewachsen in einem totalitären System mit gelenkten Medien und propagandadurchsetztem Schulunterricht, ohne freies Internet und ohne eine freie Presse, hatten sie gemerkt, dass etwas nicht stimmte im System, dass etwas fehlte. Sie sind nach Hong Kong gereist, über eine Innerstaatsgrenze, in eine für sie fremde Stadt, in dieses kleine, versteckte Buchgeschäft, um das Fehlende zu suchen, um Informationen und Geschichten mit nach Hause zu nehmen, von denen ihre Nachbarn und Kollegen nichts wussten, nichts wissen durften. Kleine Helden.

Ich war vielleicht zwei, drei Mal dort, obwohl ich mangels Sprachkenntnissen mit den Büchern nichts anfangen konnten. Ich mochte die Stimmung, die Enge, mich rührten die unsicheren Blicke der Kunden, die möglicherweise eine Überwachungskamera oder einen plötzlich zwischen den Regalen hervorspringenden Geheimpolizisten fürchteten. Es gab eine Handvoll Buchgeschäfte dieser Art in Hong Kong, erfuhr ich, vielleicht ein halbes Dutzend. Ich war das letzte Mal 2017 da.

Diese Woche hat der „People’s Bookstore“ sein Geschäft geschlossen, als letztes Hong Konger Buchgeschäft, das auf dem Festland verbotene Bücher verkauft hatte.

Kramp-Karrenbauer und der rechte Mob

In Deutschland kritisieren die Parteispitzen den Bundespräsidenten eher selten bis nie. Das gehört sich nicht. Die Würde des Amtes und so. Ich glaube, das letzte Mal war es die Linke-Chefin Katja Kipping, die sich öffentlich über den damaligen Präsidenten Gauck beschwerte, als dieser sich missmutig in Richtung Wladimir Putin geäußert hatte. Schon was her.

Dass die Generalsekretärin der CDU gestern Präsident Steinmeier für seine Unterstützung einer Veranstaltung kritisierte, die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus richtet, ist also schonmal bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, warum sie das tut: Kramp-Karrenbauer möchte sich nicht gemeinsam mit der Band Feine Sahne Fischfilet gegen Rechts stellen. Diese Band ist ihr zu links, zu anarchistisch, kurz: zu punkrock.

Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht als Musikkennerin bekannt. Dass ihr die Band Feine Sahne Fischfilet vermutlich bis vor kurzem sogar gänzlich unbekannt war, dafür spricht auch ihr Tweet von 2016 (den ihr SPD-Kollege Lars Klingbeil gestern wiederveröffentlichte) in dem sie ein Musik-Festival im Saarland „einfach nur wow“ (Jugendsprache) fand – bei dem genau diese Band  Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne stand.

Warum befand es die CDU-Generalsekretärin also seltsamerweise für richtig, diesen zweifach ungewöhnlichen Schritt zu tun? Warum redet sie über eine Band, die sie ganz offensichtlich nicht mal wirklich kennt? Ich vermute: Sie gibt dem rechten Mob nach.

Die Hassbrigaden im Netz, die Pegidisten, AfD-ler, IB-ler, Gab.ais, Selbstdenker, QFD-ler und alle anderen rechten Arschlöcher eint der Hetzreflex in Sachen FSF.

Der Faktenfinder-Journalist Patrick Gensing kann darüber nicht nur ein Lied, sondern einen 100-strophigen Choral singen. Im letzten Frühjar kübelten die braunen Hater monatelang unzählige diffamierende und beleidigende Posts und Tweets über ihm aus. Grund: Er hatte sich 2015 auf einem Konzert backstage mit der Band fotografieren lassen. Auch „BILD“-Chefredakteur Julian Reichelt beteiligte sich an dieser Scheißeflut durch Retweets.

Bildergebnis für patrick gensing faktenfinder mob hetze feine sahne fischfilet

Die einzige logische Erklärung für die seltsame Äußerung Kramp-Karrenbauers ist für mich: Ihr Büro, ihre Berater, oder sie selbst haben umpfzighundert Mails und Messages von rechten Hetzern bekommen, mit Hinweisen auf FSF und auf Steinmeiers Unterstützung. Statt nun das zu tun, was Demokraten und Verteidiger des Rechtsstaates tun sollten, nämlich das Getröte von rechts zu ignorieren, fand Frau Kramp-Karrenbauer es wohl richtiger, dem Druck des Mobs nachzugeben.

Dies ist, wie gesagt, nur eine Vermutung, aber wenn sie zutrifft, bereitet es mir mehr als nur ein wenig Sorge, wie wenig Standkraft und Rückgrat die so genannte gesellschaftliche Mitte hier dem braunen Scheißesturm entgegensetzt, und wie bereitwillig sie stattdessen seine Narrative übernimmt.

Wenn wir unsere freie, offene und vielfältige Gesellschaft vor undemokratischen, rechtsextremen, rassistischen Kräften schützen wollen, können wir uns auf die Hilfe der selbsterklärten Mitte nicht verlassen.

 

Mein erster Fernsehkrimi


Aus der Reihe: „Dinge zum ersten Mal machen“. Heute: einen Fernsehkrimi schreiben.

Es war dann doch ein wenig mehr Arbeit als erwartet und hat auch mehr Zeit benötigt als anfangs geschätzt, aber jetzt ist es endlich auf der Welt: mein Drehbuch für einen 90-minütigen Fernsehkrimi, einen Film für die Reihe „Wilsberg“ im ZDF. Das Script ist abgenommen, und der Film wird im Herbst gedreht.

Und ich bin fucking stolz darauf! Es ist ein gutes Drehbuch! Wirklich!

Video: Mit der Tram durch Hong Kong (Timelapse)

Auf Hong Kong Island fährt seit 113 Jahren ein ganz famoses Verkehrsmittel herum: die Doppeldecker-Tram, im Volksmund zärtlich „Ding Ding“ genannt.

Jüngst bin ich die komplette Strecke in beide Richtungen abgefahren und habe dabei auf dem oberen Deck ein Smartphone an die Frontscheibe gedrückt. Das Video habe ich dann siebenfach beschleunigt (es dauert jetzt nur noch gut eine halbe, statt original knapp vier Stunden), ein wenig Grading-Farb-Zuckerguss drüber gestreut und Musik von Mono druntergelegt (nein, undramatischer hatte ich es nicht 🙂 ).

Enjoy!


By The Port of Authority at en.wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link
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Der alte Orang-Utan von Hong Kong

Hong Kong besitzt einen eher kleinen Zoologischen Garten, der auf einem Berghang ruht; darin eine übersichtliche Zahl unterschiedlicher Tiere und die Abwesenheit von jeglicher Sensation.

In einem Open-Air-Käfig lebt ein Orang-Utan der so alt ist, dass er wahrscheinlich schon auf diesem Berghang saß, als die Briten die Insel in Besitz nahmen und in deren Norden, an einer felsigen Küste, die nicht so Malariamücken-verseucht war wie ihr erster Siedlungsort im heutigen Stadtteil Happy Valley, eine Siedlung gründeten, die sie in einer Kombination aus vollendeter Phantasielosigkeit und royalistischer Devotheit „Victoria Town“ nannten, so wie Briten damals ungefähr alles „Victoria“ nannte, was sie entdeckten, eroberten oder gebärten.

176 Jahre später heißt der Ort nicht mehr Victoria Town, die Queen heißt auch nicht mehr Victoria, die Briten haben kein Imperium und keine Mitgliedschaft im vereinten Europa mehr. Hong Kong ist sei 20 Jahren irgendwie ein Teil Chinas und dieses „irgendwie“ wird in spätestens 30 Jahren ganz verschwunden sein, höchstwahrscheinlich schon viel früher.

Der alte Orang Utan sitzt immer an der gleichen Stelle. Ich habe mir vorgestellt, dass irgendein pfiffiger Brite, der damals seine Queen Victoria beeindrucken wollte, rund um den bewegungslos am Berghang sitzenden Orang Utan herum erst einen hohen Käfig bauen ließ, und danach einen kleineren Zoologischen Garten, in den er schnell noch allerlei Getier einpflanzte, damit er eine stolze Depesche nach Windsor schicken konnten: „Meine Königin! Ich melde ergebens: Diese tropische Insel, die wir uns aneigneten, als Kriegsgewinn der Auseinandersetzungen mit China, das ja mit unserer Rolle als dortiger Drogenimporteur und Dealer schwerster, illegaler Suchtmittel aus uns unverständlichen Gründen ein wenig unglücklich war und deswegen den so genannten Opiumkrig gegen uns führte und verlor, diese Insel hat jetzt einen eigenen Zoo und einen Affen. Ist das nicht famos? Nur dass Sie Bescheid wissen, Mylady, falls Sie mal in der Gegend sind. Mit ergebensten Niederwerfungen, Lord Dings.“

Der alte Orang-Utan ist im Sitzen ungefähr so groß wie ich im Stehen, und ich bin groß im Stehen. Ich weiß nicht, wie viel er wiegt, aber er scheint mir eine absurd große Masse zu besitzen. Vermutlich könnte er ein Auto einfach platt sitzen oder ein Haus. Man könnte, nein, man müsste als Angehöriger der zerbrechlichen, schwächlichen Affenart Homo Sapiens eigentlich Angst haben vor diesem Koloss aus Muskeln, Fleisch und Fell. Aber ohne eigentlich dann doch nicht, denn er ist das traurigste Wesen der Welt.

Der alte Orang-Utan ist nicht einfach nur antriebsarm und lustlos wie viele Zootiere, er ist auch nicht einfach nur träge und gelangweilt wie noch mehr Zootiere. Dieser Orang-Utan hat die Traurigkeit aller Lebewesen des Universums auf sich genommen. Ich bin nicht religiös, und ich habe das Konzept, Jesus sei für unser aller Sünden gestorben, sogar dann, wenn wir zum Zeitpunkt seiner Ermordung noch gar nicht geboren und unsere Sünden somit auch noch gar nicht begangen waren, schon als Zehnjähriger als irrationalen Unfug abgelehnt. Aber die Theorie, in diesem Orang-Utan wohne gesammelt und verdichtet alle Betrübnis, alle Bedrücktheit, alle Düsternis, aller Jammer und alle Todessehnsucht aller Menschen, Tiere und Außerirdischen; und alles, was sie selbst in dieser Richtung verspürten, seien nur noch ein paar düster gesprenkelte Reste, die der Affe aus irgendwelchen Gründen – bisschen Schwund ist ja immer – nicht einsammeln konnte, erscheint mir hingegen durch und durch plausibel.

Der alte Orang-Utan sitzt und rührt sich nicht und schaut durch Gegenstände und Menschen hindurch. Er sieht durch die Fotografen hindurch, die ihm zuwinken. Er sieht durch die männlichen Teenager hindurch, die vor ihm herumspringen und Affen imitieren, dabei Geräuschen erzeugen, wie rechtsradikale Fußballfans sie in Fußballstadien ausstoßen wenn der gegnerische Spieler am Ball ein Schwarzer ist. Er sieht durch die Kinder hindurch, die versuchen, ihn mit Gegenständen zu bewerfen, aus dieser speziellen Sorte Grausamkeit heraus, die nur in Kindern wohnt.

Einmal, vor Jahren, sah er auch durch mich hindurch, auf irgend etwas, das mindestens kilometerweit hinter mir gewesen sein muss. Ich war in Gedanken bei dem Fotoapparat in meiner Hand, überlegte, ob sich vielleicht ein Objektivwechsel lohnen würde für ein Bild von diesem haarigen Muskel- und Fleischberg, oder ob das Motiv überhaupt etwas tauge, denn schließlich gibt es ja schon mehr als genügend Fotos von irgendwelchen Affen in irgendwelchen Zoos irgendwo auf der Welt.

Da sah er mich an, verschob den Fokus seines Blickes vom Irgendwo aufs hier, auf genau meine Netzhaut, von unendlich auf unendlich nah. Für die kürzestmögliche Zeitspanne, die unser Affenhirn erfassen kann, sah ich in dieses Schwarze Loch der Hoffnungslosigkeit, in diese endgültige Traurigkeitssingularität. Für diesen kurzen Moment gab es keine Freude mehr und keine Hoffnung, und es würde sie nie wieder geben, nirgendwo. Dann schaute er wieder ins Leere, entließ mich aus dem dunklen Schwerefeld. Schon nach ein paar Stunden konnte ich wieder ruhig atmen.

Seitdem besuche ich den alten Orang-Utan jedes Mal wenn ich in Hong Kong bin. Ich hoffe auf dem Weg in den Zoo immer leise, ein geschlossenes Gehege vorzufinden, mit einem Schild daran, auf Kantonesisch und auf Englisch, welches sehr bedauert, dass der alte Orang-Utan kürzlich gestorben sei, wo ihn doch alle Besucher so lieb gehabt hätten, die Teenager und die Kinder und Lord Dings und irgendwas mit Volksrepublik China Hurra, und vielleicht kommen ja irgendwann Pandabären, das wäre doch eine Sensation und bla.

Ich habe heute wieder nachgesehen. Der alte Orang-Utan lebt und das womöglich noch tausend Millionen Jahre.

Er hat mich nie wieder angesehen.

Ich habe ihn nie fotografiert.

#FreeDeniz

#FreeDeniz Anzeige als PDF

http://freedeniz.de/

Nach 13 Tagen Polizeigewahrsam in der Türkei hat ein Haftrichter am Abend des 27. Februar Untersuchungshaft gegen den deutschen Journalisten Deniz Yücel erlassen.

Mit der obigen Anzeige drücken 305 Menschen Deniz Yücel und allen anderen in der Türkei inhaftierten Kolleginnen und Kollegen ihre Solidarität aus. Sie erscheint in Tagesspiegel, SZ, Bild, Welt, B.Z, Die Zeit, Taz.

Die Anzeige richtet sich auch an die deutsche Regierung, mit der Forderung, auf die türkische einzuwirken, Deniz Yücel freizulassen und Meinungs- und Pressefreiheit zu respektieren.

Hintergrund:
Türkei-Korrespondent der „Welt“: Haftrichter verhängt Untersuchungshaft gegen Deniz Yücel

Hier könnt Ihr Euch direkt mitteilen:
Auswärtiges Amt
Kanzleramt
Türkische Botschaft Berlin

Ist er wach?

Viele Menschen fragen sich jeden Vormittag bangend, ob der Orangene Herrscher denn wohl bereits wach ist. Sie trauen sich jedoch nicht, dessen Twitter-Stream aufzurufen, aus Furcht vor den garstigen und verstörenden Dingen, die sie dort erwarten.

Für all diese geprüften Zeitgenossen gibt es nun @isOrangeAwake, den Twitter-Account von Donald Trump, ganz ohne die Tweets von Donald Trump.

Bitteschön! Gern geschehen! 🙂

Wenn das Internet…

Internet (Symbolbild)

Internet (Symbolbild)

WENN das Internet sich wirklich zum Medium der Entweder-Oder-Position entwickeln sollte, des politischen Ja-oder-Nein, Schwarz-oder-Weiß, 0-oder-1, des „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – wonach es ja gerade irgendwie aussieht – DANN entwickelt es sich zum Medium derjenigen, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen wollen – oder anbieten: Reaktionäre, Rassisten, Hetzer, Spinner, Esoteriker, Trumpisten, Pegidisten und alle, die der Überzeugung sind, Minderheiten hätten sich gefälligst der Mehrheit unterzuordnen, und DANN WÄRE ES GENAU NICHT das Medium der Aufklärung, des Diskurses, der Akzeptanz und des gesellschaftlichen Fortschritts. Dieser Gedanke bereitet mir gerade mittelgroßes Unbehagen.

Politische Korrektheit – der potemkinsche Esoterik-Begriff

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Irgendwann in jüngster Vergangenheit muss es passiert sein: Das „politisch Korrekte“ hat ganz offensichtlich gesiegt. „Politische Korrektheit“ ist anscheinend zur dominierenden Ideologie dieses Landes geworden. Das bezeugen jedenfalls gestandene Akteure des Zeitgeschehens:

„Ja, die Political Correctness ist überzogen worden“

beklagt sich etwa die CDU-Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschman warnt fast wortgleich:

„Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben.“

Derweil freut sich das rechte Kampforgan „Junge Freiheit“ über den Chef der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel: 

„Gabriel beklagt Political Correctness und Gendersprech“. 

Je weiter man in der Medienlandschaft politisch nach rechts schaut, um so größer wird der Sieg der „politischen Korrektheit“ eingeschätzt. In „Focus Online“ etwa darf der „Weltwoche“-Chefredakteur Roger Köppel über

„die internationalistische Einheitspartei der Gutmenschen und politisch Korrekten“

daherreden. Beim reaktionären Blog „Tichys Einblick“ glaubt Anabell Schunke, den ollen CDU-Slogan von „Freiheit oder Sozialismus“ in Kulturkrieg-Variante neu beleben zu müssen:

„Was ist uns am Ende wichtiger? Immer politisch korrekt gewesen zu sein oder die Freiheit verteidigt zu haben?“

und noch einen Schritt weiter rechts, beim Kopp-Verlag, kann man gleich ein 320-Seiten-Buch des Verschwörungstheoretikers Udo Ulfkotte kaufen. Überschrift des Klappentextes:

Die Diktatur der Gutmenschen. Jetzt reicht’s: Schluss mit dem politisch korrekten Wahnsinn!

#Puh.

Den Weg dorthin habe ich offenbar nicht mitbekommen: Ich muss die vielen Demonstrationen für mehr „politische Korrektheit“ verpasst haben. Ich muss all die Buch-Neuerscheinungen übersehen haben, die Titel trugen wie „Politische Korrektheit – Jetzt!“ und „In zwei Wochen zum korrekten politisch Korrekten“. Mir sind offenbar auch auch all die Parteien entgangen, die ihren Wählern versprachen, Deutschland „politisch korrekt“ auszurichten. All die Wahlplakate mit „Freiheit, Gleichheit, politische Korrektheit'“ und die „Ohne PeeCee schaffen wir es nie!“-Sprechchöre sind ebenso unbemerkt an mir vorbei gezogen wie die Regierungserklärungen, die öffentlich das Ziel ausgaben, Deutschland „politisch korrekt“ umzubauen. Warum habe ich Buzzfeeds „27 Gründe für politische Korrektheit“ verpasst, genau wie die allgegenwärtigen „I am PC“-Aufkleber auf Laptops?

Wie konnte das geschehen? Und vor allem: Wo sind die jubelnden Sieger? Wieso kenne ich persönlich zwar etliche Idealisten, Feministen, Internationalisten, Futuristen, Humanisten und Tierfreunde – aber keinen einzigen Menschen, der sich selbst als „politisch korrekt“ bezeichnen würde? Wie kann das sein?

Die schockierende Wahrheit: Es gibt gar keine „politische Korrektheit“. Es gibt davon weder zu viel, noch zu wenig, es gibt keine falsch verstandene, keine übertriebene, keine vorgeschobene.

Der Begriff „politische Korrektheit“ ist schlicht ein Phantom, ein potemkinsches Wort, eine virtuelle Vokabel. Denn es existiert keine verbindliche Definition für „politisch korrekt“. Es wurde in der Vergangenheit zwar von verschiedenen Seiten immer mal ein wenig daran herumgedeutelt, aber letztlich ist nichts davon eindeutig und dauerhaft geblieben.

Somit ist „Politische Korrektheit“ für jeden einzelnen Menschn lediglich das, was er sich darunter vorstellt, ähnlich wie es sich beim „Heiligen Geist“, bei den „Ewigen Jagdgründen“ oder bei „Kosmischen Energien“ verhält. „Politische Korrektheit“ ist ein esoterisches Konzept: sie existiert nur als das was man – und so lange wie man daran glaubt.

Das bedeutet auf der kommunikativen Ebene: Der Begriff ist lediglich eine höchst emotional aufgeladene Hülle ohne Inhalt. Eine verbale Seifenblase unter Strom. Ein rein virtuelles Dings.

Dabei ist es völlig unerheblich, dass „Political Correctness“ angeblich mal ein ironischer Begriff der studentischen Linken in den USA war, bevor er in anderen politischen Lagern Karriere machte. Entscheidend ist allein, wie er jetzt und seit mittlerweile rund 20 Jahren eingesetzt wird.

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

„Politische Korrektheit“ ist gar kein Konzept, sie ist auch keine Ideologie: sie ist vielmehr ein rhetorischer Trick.

Praktisch niemand nennt sich selbst „politisch korrekt“ oder definiert sich als Angehöriger einer „Bewegung der politisch Korrekten“ Niemand stellt demnach politische Forderungen im Namen der „politischen Korrektheit“ auf. Im Gegenteil: „Politische Korrektheit“ wird seit Ende der Neunzigerjahre ausschließlich als Negativum eingesetzt, als Diffamierung, als Schimpfwort oder als vorgebliche Ursache für wasauchimmer.

Das ist für die Verwender dieses Begriffs äußerst angenehm: Da es sich um einen esoterischen Hohlbegriff handelt, kann man mit dessen Hilfe nahezu jeden möglichen Unfug behaupten, ohne direkt als Unfug-Behaupter ertappt zu werden. Noch praktischer: Da sich niemand angesprochen fühlt, wird auch niemand widersprechen.

Wenn beispielsweise das rechtslibertäre Magazin „Eigentümlich Frei“ hyperventiliert:

Propaganda und Meinungskontrolle: Der Politischen Korrektheit geht es um Überwachung, nicht um Umgangsformen

dann muss sich die Publikation keine Sorgen machen, dass jemand mit einem entschlossenen „Hey, Unverschämtheit! Mir als ‚politisch Korrektem‘ geht es gar nicht um Überwachung und Meinungskontrolle!“ widerspricht. Auch ein „Hey! ‚Politische Korrektheit‘ hat mit Überwachung überhaupt nichts zu tun, das sagt doch schon die Definition!“ muss das eigentümliche Online-Magazin nicht fürchten.

Für die reaktionären, rückwärtsgewandten, rechten Kräfte in der Gesellschaft ist dieser Zustand natürlich ein Fest: Sie haben eine nicht-existente Ideologie, der sie alle mögliche Schuld an von ihnen unerwünschten, gesellschaftlichen Änderungen zuweisen können –und niemand wird ihnen direkt widersprechen, da sich niemand dieser Phantasie-Ideologie zugehörig fühlt. Wow!

Die „politische Korrektheit“ kann also je nach Belieben zur kulturell-medialen Weltmacht aufgeblasen werden – was es dem Aufblaser wiederum erlaubt, die komfortable Position des angeblich unterdrückten, von Denk- und Sprechverboten umzingelten Dissidenten einzunehmen. Einen Absatz später können dann die „politisch Korrekten“ flugs zu Verlierern und Jammerlappen erklärt werden, etwa, wenn ein Milliardär unter Irrsinnsverdacht die Wahl zum US-Präsidenten gewinnt. Hurra! Triumph!

Ein rhetorischer Trick, dessen Nutzung es erlaubt, gleichzeitig unterdrückter Freiheitskämpfer und siegreicher Welteroberer zu sein. Wow!

Noch nie war es so einfach Recht zu haben – eine gut gepflegte Strohmann-Ideologie machts möglich: Nachrichtensendungen, die nicht das vermelden, was man gerne möchte; Politiker, die nicht so handeln, wie man selbst das für richtig hält; Kneipenbekannte, die nicht über den sexistischen Witz lachen, den man gerade gemacht hat; Frauen, die sich nicht mehr von Männern in die Zuhörerinnenrolle schubsen lassen; Migrantenkinder, die hübscher „Oh Du Fröhliche“ singen als der eigene Nachwuchs; Männer in Frauenkleidern, die Europäische Singwettbewebe gewinnen; deutsche Fußballnationalspieler, die Özil, Khedira Boateng heißen, Stehtische im Café Kranzler, die Abschaffung der D-Mark, der Reichsmark und MAN DARF NOCH NICHTMAL MEHR ZIGEUNERSCHNITZEL SAGEN!!!1!: Das ist alles doch diese „politische Korrektheit“ Schuld!

(Es gibt neuerdings den einen oder anderen Versuch, den Begriff „politisch korrekt“ den Reaktionären und Rechten wegzunehmen und ihn positiv umzudeuten. Ich halte das für schwierig. Die Aneignung und Umdeutung eines einstmaligen Schimpfwortes ist möglich – „schwul“ war beispielsweise mal eine Schmähung, bis die Schwulenbewegung den Begriff kaperte und ihn neu besetzte. Prima. Das „politisch korrekt“-Konstrukt ist mit seinen Strohmann-Esoterik-und-Phantom-Funktionalitäten aber wohl zu Komplex für solch eine Übernahme, fürchte ich.)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Und nun?

Ich denke, man sollte den Begriff einfach denen überlassen, die ihn sowieso schon inflationär nutzen. Wir Linken, Liberalen, Zukunftszugewandten, Zivilisierten, Empathischen können ja den rechten Hasskindern diese Strohpuppe zum Spielen lassen, während wir einfach weiter eine linke, liberale zukunftszugewandte, zivilisierte, empathische Gesellschaft bauen.

Hah!