Der alte Orang-Utan von Hong Kong

Hong Kong besitzt einen eher kleinen Zoologischen Garten, der auf einem Berghang ruht; darin eine übersichtliche Zahl unterschiedlicher Tiere und die Abwesenheit von jeglicher Sensation.

In einem Open-Air-Käfig lebt ein Orang-Utan der so alt ist, dass er wahrscheinlich schon auf diesem Berghang saß, als die Briten die Insel in Besitz nahmen und in deren Norden, an einer felsigen Küste, die nicht so Malariamücken-verseucht war wie ihr erster Siedlungsort im heutigen Stadtteil Happy Valley, eine Siedlung gründeten, die sie in einer Kombination aus vollendeter Phantasielosigkeit und royalistischer Devotheit „Victoria Town“ nannten, so wie Briten damals ungefähr alles „Victoria“ nannte, was sie entdeckten, eroberten oder gebärten.

176 Jahre später heißt der Ort nicht mehr Victoria Town, die Queen heißt auch nicht mehr Victoria, die Briten haben kein Imperium und keine Mitgliedschaft im vereinten Europa mehr. Hong Kong ist sei 20 Jahren irgendwie ein Teil Chinas und dieses „irgendwie“ wird in spätestens 30 Jahren ganz verschwunden sein, höchstwahrscheinlich schon viel früher.

Der alte Orang Utan sitzt immer an der gleichen Stelle. Ich habe mir vorgestellt, dass irgendein pfiffiger Brite, der damals seine Queen Victoria beeindrucken wollte, rund um den bewegungslos am Berghang sitzenden Orang Utan herum erst einen hohen Käfig bauen ließ, und danach einen kleineren Zoologischen Garten, in den er schnell noch allerlei Getier einpflanzte, damit er eine stolze Depesche nach Windsor schicken konnten: „Meine Königin! Ich melde ergebens: Diese tropische Insel, die wir uns aneigneten, als Kriegsgewinn der Auseinandersetzungen mit China, das ja mit unserer Rolle als dortiger Drogenimporteur und Dealer schwerster, illegaler Suchtmittel aus uns unverständlichen Gründen ein wenig unglücklich war und deswegen den so genannten Opiumkrig gegen uns führte und verlor, diese Insel hat jetzt einen eigenen Zoo und einen Affen. Ist das nicht famos? Nur dass Sie Bescheid wissen, Mylady, falls Sie mal in der Gegend sind. Mit ergebensten Niederwerfungen, Lord Dings.“

Der alte Orang-Utan ist im Sitzen ungefähr so groß wie ich im Stehen, und ich bin groß im Stehen. Ich weiß nicht, wie viel er wiegt, aber er scheint mir eine absurd große Masse zu besitzen. Vermutlich könnte er ein Auto einfach platt sitzen oder ein Haus. Man könnte, nein, man müsste als Angehöriger der zerbrechlichen, schwächlichen Affenart Homo Sapiens eigentlich Angst haben vor diesem Koloss aus Muskeln, Fleisch und Fell. Aber ohne eigentlich dann doch nicht, denn er ist das traurigste Wesen der Welt.

Der alte Orang-Utan ist nicht einfach nur antriebsarm und lustlos wie viele Zootiere, er ist auch nicht einfach nur träge und gelangweilt wie noch mehr Zootiere. Dieser Orang-Utan hat die Traurigkeit aller Lebewesen des Universums auf sich genommen. Ich bin nicht religiös, und ich habe das Konzept, Jesus sei für unser aller Sünden gestorben, sogar dann, wenn wir zum Zeitpunkt seiner Ermordung noch gar nicht geboren und unsere Sünden somit auch noch gar nicht begangen waren, schon als Zehnjähriger als irrationalen Unfug abgelehnt. Aber die Theorie, in diesem Orang-Utan wohne gesammelt und verdichtet alle Betrübnis, alle Bedrücktheit, alle Düsternis, aller Jammer und alle Todessehnsucht aller Menschen, Tiere und Außerirdischen; und alles, was sie selbst in dieser Richtung verspürten, seien nur noch ein paar düster gesprenkelte Reste, die der Affe aus irgendwelchen Gründen – bisschen Schwund ist ja immer – nicht einsammeln konnte, erscheint mir hingegen durch und durch plausibel.

Der alte Orang-Utan sitzt und rührt sich nicht und schaut durch Gegenstände und Menschen hindurch. Er sieht durch die Fotografen hindurch, die ihm zuwinken. Er sieht durch die männlichen Teenager hindurch, die vor ihm herumspringen und Affen imitieren, dabei Geräuschen erzeugen, wie rechtsradikale Fußballfans sie in Fußballstadien ausstoßen wenn der gegnerische Spieler am Ball ein Schwarzer ist. Er sieht durch die Kinder hindurch, die versuchen, ihn mit Gegenständen zu bewerfen, aus dieser speziellen Sorte Grausamkeit heraus, die nur in Kindern wohnt.

Einmal, vor Jahren, sah er auch durch mich hindurch, auf irgend etwas, das mindestens kilometerweit hinter mir gewesen sein muss. Ich war in Gedanken bei dem Fotoapparat in meiner Hand, überlegte, ob sich vielleicht ein Objektivwechsel lohnen würde für ein Bild von diesem haarigen Muskel- und Fleischberg, oder ob das Motiv überhaupt etwas tauge, denn schließlich gibt es ja schon mehr als genügend Fotos von irgendwelchen Affen in irgendwelchen Zoos irgendwo auf der Welt.

Da sah er mich an, verschob den Fokus seines Blickes vom Irgendwo aufs hier, auf genau meine Netzhaut, von unendlich auf unendlich nah. Für die kürzestmögliche Zeitspanne, die unser Affenhirn erfassen kann, sah ich in dieses Schwarze Loch der Hoffnungslosigkeit, in diese endgültige Traurigkeitssingularität. Für diesen kurzen Moment gab es keine Freude mehr und keine Hoffnung, und es würde sie nie wieder geben, nirgendwo. Dann schaute er wieder ins Leere, entließ mich aus dem dunklen Schwerefeld. Schon nach ein paar Stunden konnte ich wieder ruhig atmen.

Seitdem besuche ich den alten Orang-Utan jedes Mal wenn ich in Hong Kong bin. Ich hoffe auf dem Weg in den Zoo immer leise, ein geschlossenes Gehege vorzufinden, mit einem Schild daran, auf Kantonesisch und auf Englisch, welches sehr bedauert, dass der alte Orang-Utan kürzlich gestorben sei, wo ihn doch alle Besucher so lieb gehabt hätten, die Teenager und die Kinder und Lord Dings und irgendwas mit Volksrepublik China Hurra, und vielleicht kommen ja irgendwann Pandabären, das wäre doch eine Sensation und bla.

Ich habe heute wieder nachgesehen. Der alte Orang-Utan lebt und das womöglich noch tausend Millionen Jahre.

Er hat mich nie wieder angesehen.

Ich habe ihn nie fotografiert.

#FreeDeniz

#FreeDeniz Anzeige als PDF

http://freedeniz.de/

Nach 13 Tagen Polizeigewahrsam in der Türkei hat ein Haftrichter am Abend des 27. Februar Untersuchungshaft gegen den deutschen Journalisten Deniz Yücel erlassen.

Mit der obigen Anzeige drücken 305 Menschen Deniz Yücel und allen anderen in der Türkei inhaftierten Kolleginnen und Kollegen ihre Solidarität aus. Sie erscheint in Tagesspiegel, SZ, Bild, Welt, B.Z, Die Zeit, Taz.

Die Anzeige richtet sich auch an die deutsche Regierung, mit der Forderung, auf die türkische einzuwirken, Deniz Yücel freizulassen und Meinungs- und Pressefreiheit zu respektieren.

Hintergrund:
Türkei-Korrespondent der „Welt“: Haftrichter verhängt Untersuchungshaft gegen Deniz Yücel

Hier könnt Ihr Euch direkt mitteilen:
Auswärtiges Amt
Kanzleramt
Türkische Botschaft Berlin

Ist er wach?

Viele Menschen fragen sich jeden Vormittag bangend, ob der Orangene Herrscher denn wohl bereits wach ist. Sie trauen sich jedoch nicht, dessen Twitter-Stream aufzurufen, aus Furcht vor den garstigen und verstörenden Dingen, die sie dort erwarten.

Für all diese geprüften Zeitgenossen gibt es nun @isOrangeAwake, den Twitter-Account von Donald Trump, ganz ohne die Tweets von Donald Trump.

Bitteschön! Gern geschehen! 🙂

Wenn das Internet…

Internet (Symbolbild)

Internet (Symbolbild)

WENN das Internet sich wirklich zum Medium der Entweder-Oder-Position entwickeln sollte, des politischen Ja-oder-Nein, Schwarz-oder-Weiß, 0-oder-1, des „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – wonach es ja gerade irgendwie aussieht – DANN entwickelt es sich zum Medium derjenigen, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen wollen – oder anbieten: Reaktionäre, Rassisten, Hetzer, Spinner, Esoteriker, Trumpisten, Pegidisten und alle, die der Überzeugung sind, Minderheiten hätten sich gefälligst der Mehrheit unterzuordnen, und DANN WÄRE ES GENAU NICHT das Medium der Aufklärung, des Diskurses, der Akzeptanz und des gesellschaftlichen Fortschritts. Dieser Gedanke bereitet mir gerade mittelgroßes Unbehagen.

Politische Korrektheit – der potemkinsche Esoterik-Begriff

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Politische Korrektheit (Symbolbild)

Irgendwann in jüngster Vergangenheit muss es passiert sein: Das „politisch Korrekte“ hat ganz offensichtlich gesiegt. „Politische Korrektheit“ ist anscheinend zur dominierenden Ideologie dieses Landes geworden. Das bezeugen jedenfalls gestandene Akteure des Zeitgeschehens:

„Ja, die Political Correctness ist überzogen worden“

beklagt sich etwa die CDU-Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschman warnt fast wortgleich:

„Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben.“

Derweil freut sich das rechte Kampforgan „Junge Freiheit“ über den Chef der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel: 

„Gabriel beklagt Political Correctness und Gendersprech“. 

Je weiter man in der Medienlandschaft politisch nach rechts schaut, um so größer wird der Sieg der „politischen Korrektheit“ eingeschätzt. In „Focus Online“ etwa darf der „Weltwoche“-Chefredakteur Roger Köppel über

„die internationalistische Einheitspartei der Gutmenschen und politisch Korrekten“

daherreden. Beim reaktionären Blog „Tichys Einblick“ glaubt Anabell Schunke, den ollen CDU-Slogan von „Freiheit oder Sozialismus“ in Kulturkrieg-Variante neu beleben zu müssen:

„Was ist uns am Ende wichtiger? Immer politisch korrekt gewesen zu sein oder die Freiheit verteidigt zu haben?“

und noch einen Schritt weiter rechts, beim Kopp-Verlag, kann man gleich ein 320-Seiten-Buch des Verschwörungstheoretikers Udo Ulfkotte kaufen. Überschrift des Klappentextes:

Die Diktatur der Gutmenschen. Jetzt reicht’s: Schluss mit dem politisch korrekten Wahnsinn!

#Puh.

Den Weg dorthin habe ich offenbar nicht mitbekommen: Ich muss die vielen Demonstrationen für mehr „politische Korrektheit“ verpasst haben. Ich muss all die Buch-Neuerscheinungen übersehen haben, die Titel trugen wie „Politische Korrektheit – Jetzt!“ und „In zwei Wochen zum korrekten politisch Korrekten“. Mir sind offenbar auch auch all die Parteien entgangen, die ihren Wählern versprachen, Deutschland „politisch korrekt“ auszurichten. All die Wahlplakate mit „Freiheit, Gleichheit, politische Korrektheit'“ und die „Ohne PeeCee schaffen wir es nie!“-Sprechchöre sind ebenso unbemerkt an mir vorbei gezogen wie die Regierungserklärungen, die öffentlich das Ziel ausgaben, Deutschland „politisch korrekt“ umzubauen. Warum habe ich Buzzfeeds „27 Gründe für politische Korrektheit“ verpasst, genau wie die allgegenwärtigen „I am PC“-Aufkleber auf Laptops?

Wie konnte das geschehen? Und vor allem: Wo sind die jubelnden Sieger? Wieso kenne ich persönlich zwar etliche Idealisten, Feministen, Internationalisten, Futuristen, Humanisten und Tierfreunde – aber keinen einzigen Menschen, der sich selbst als „politisch korrekt“ bezeichnen würde? Wie kann das sein?

Die schockierende Wahrheit: Es gibt gar keine „politische Korrektheit“. Es gibt davon weder zu viel, noch zu wenig, es gibt keine falsch verstandene, keine übertriebene, keine vorgeschobene.

Der Begriff „politische Korrektheit“ ist schlicht ein Phantom, ein potemkinsches Wort, eine virtuelle Vokabel. Denn es existiert keine verbindliche Definition für „politisch korrekt“. Es wurde in der Vergangenheit zwar von verschiedenen Seiten immer mal ein wenig daran herumgedeutelt, aber letztlich ist nichts davon eindeutig und dauerhaft geblieben.

Somit ist „Politische Korrektheit“ für jeden einzelnen Menschn lediglich das, was er sich darunter vorstellt, ähnlich wie es sich beim „Heiligen Geist“, bei den „Ewigen Jagdgründen“ oder bei „Kosmischen Energien“ verhält. „Politische Korrektheit“ ist ein esoterisches Konzept: sie existiert nur als das was man – und so lange wie man daran glaubt.

Das bedeutet auf der kommunikativen Ebene: Der Begriff ist lediglich eine höchst emotional aufgeladene Hülle ohne Inhalt. Eine verbale Seifenblase unter Strom. Ein rein virtuelles Dings.

Dabei ist es völlig unerheblich, dass „Political Correctness“ angeblich mal ein ironischer Begriff der studentischen Linken in den USA war, bevor er in anderen politischen Lagern Karriere machte. Entscheidend ist allein, wie er jetzt und seit mittlerweile rund 20 Jahren eingesetzt wird.

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

Phantom-Ideologien (Symbolbild)

„Politische Korrektheit“ ist gar kein Konzept, sie ist auch keine Ideologie: sie ist vielmehr ein rhetorischer Trick.

Praktisch niemand nennt sich selbst „politisch korrekt“ oder definiert sich als Angehöriger einer „Bewegung der politisch Korrekten“ Niemand stellt demnach politische Forderungen im Namen der „politischen Korrektheit“ auf. Im Gegenteil: „Politische Korrektheit“ wird seit Ende der Neunzigerjahre ausschließlich als Negativum eingesetzt, als Diffamierung, als Schimpfwort oder als vorgebliche Ursache für wasauchimmer.

Das ist für die Verwender dieses Begriffs äußerst angenehm: Da es sich um einen esoterischen Hohlbegriff handelt, kann man mit dessen Hilfe nahezu jeden möglichen Unfug behaupten, ohne direkt als Unfug-Behaupter ertappt zu werden. Noch praktischer: Da sich niemand angesprochen fühlt, wird auch niemand widersprechen.

Wenn beispielsweise das rechtslibertäre Magazin „Eigentümlich Frei“ hyperventiliert:

Propaganda und Meinungskontrolle: Der Politischen Korrektheit geht es um Überwachung, nicht um Umgangsformen

dann muss sich die Publikation keine Sorgen machen, dass jemand mit einem entschlossenen „Hey, Unverschämtheit! Mir als ‚politisch Korrektem‘ geht es gar nicht um Überwachung und Meinungskontrolle!“ widerspricht. Auch ein „Hey! ‚Politische Korrektheit‘ hat mit Überwachung überhaupt nichts zu tun, das sagt doch schon die Definition!“ muss das eigentümliche Online-Magazin nicht fürchten.

Für die reaktionären, rückwärtsgewandten, rechten Kräfte in der Gesellschaft ist dieser Zustand natürlich ein Fest: Sie haben eine nicht-existente Ideologie, der sie alle mögliche Schuld an von ihnen unerwünschten, gesellschaftlichen Änderungen zuweisen können –und niemand wird ihnen direkt widersprechen, da sich niemand dieser Phantasie-Ideologie zugehörig fühlt. Wow!

Die „politische Korrektheit“ kann also je nach Belieben zur kulturell-medialen Weltmacht aufgeblasen werden – was es dem Aufblaser wiederum erlaubt, die komfortable Position des angeblich unterdrückten, von Denk- und Sprechverboten umzingelten Dissidenten einzunehmen. Einen Absatz später können dann die „politisch Korrekten“ flugs zu Verlierern und Jammerlappen erklärt werden, etwa, wenn ein Milliardär unter Irrsinnsverdacht die Wahl zum US-Präsidenten gewinnt. Hurra! Triumph!

Ein rhetorischer Trick, dessen Nutzung es erlaubt, gleichzeitig unterdrückter Freiheitskämpfer und siegreicher Welteroberer zu sein. Wow!

Noch nie war es so einfach Recht zu haben – eine gut gepflegte Strohmann-Ideologie machts möglich: Nachrichtensendungen, die nicht das vermelden, was man gerne möchte; Politiker, die nicht so handeln, wie man selbst das für richtig hält; Kneipenbekannte, die nicht über den sexistischen Witz lachen, den man gerade gemacht hat; Frauen, die sich nicht mehr von Männern in die Zuhörerinnenrolle schubsen lassen; Migrantenkinder, die hübscher „Oh Du Fröhliche“ singen als der eigene Nachwuchs; Männer in Frauenkleidern, die Europäische Singwettbewebe gewinnen; deutsche Fußballnationalspieler, die Özil, Khedira Boateng heißen, Stehtische im Café Kranzler, die Abschaffung der D-Mark, der Reichsmark und MAN DARF NOCH NICHTMAL MEHR ZIGEUNERSCHNITZEL SAGEN!!!1!: Das ist alles doch diese „politische Korrektheit“ Schuld!

(Es gibt neuerdings den einen oder anderen Versuch, den Begriff „politisch korrekt“ den Reaktionären und Rechten wegzunehmen und ihn positiv umzudeuten. Ich halte das für schwierig. Die Aneignung und Umdeutung eines einstmaligen Schimpfwortes ist möglich – „schwul“ war beispielsweise mal eine Schmähung, bis die Schwulenbewegung den Begriff kaperte und ihn neu besetzte. Prima. Das „politisch korrekt“-Konstrukt ist mit seinen Strohmann-Esoterik-und-Phantom-Funktionalitäten aber wohl zu Komplex für solch eine Übernahme, fürchte ich.)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Tor zu einer neuen Welt (Symbolbild)

Und nun?

Ich denke, man sollte den Begriff einfach denen überlassen, die ihn sowieso schon inflationär nutzen. Wir Linken, Liberalen, Zukunftszugewandten, Zivilisierten, Empathischen können ja den rechten Hasskindern diese Strohpuppe zum Spielen lassen, während wir einfach weiter eine linke, liberale zukunftszugewandte, zivilisierte, empathische Gesellschaft bauen.

Hah!

Ihr kommt alle, ja?

Nofac.es Ausstellung Oberholz

Samstag, 08.10., 20:00 Uhr

St. Oberholz, Zehdenicker Str. 1, Berlin Mitte

Vernissage NOFAC.ES, Photographien von Mario Sixtus

Der Künstler (das bin ich 🙂 ) ist anwesend und freut sich über jede/n der/die kommt!

(Wer es nicht schafft: Die Ausstellung läuft bis zum 29.10.)

Von wegen Algorithmen: Unsere Filterblasen sind pure Handarbeit

Boy in a Bubble

(Ursprünglich erschienen auf t3n)

„Oh wie trübe und reizlos wird das Leben für sie werden, ohne mich!? Wie können sie leben in dieser Welt“, jammert Nero, den Dolch zum Suizid in der Hand. Währenddessen stürmt das Volk Roms den kaiserlichen Palast, ganz offensichtlich weit davon entfernt, die Aussicht auf ein Leben ohne Nero als trübe und reizlos zu empfinden.

Zwei Stunden und siebenundreißig Minuten hat der Zuschauer des Ostersonntag-Fernsehklassikers „Quo Vadis“ bis zu diesem Moment dabei zugesehen, wie Peter Ustinov in der Rolle des römischen Kaisers Nero in einem zuckerwattigen Palastkosmos vor sich hinherrscht; eine Umgebung, in die nur Informationen vordringen dürfen, welche die Überzeugungen des Imperators stützen: Claqueure, die seine Dichtkunst loben, Höflinge, die ihm die Bewunderung des Volkes versichern, Boten aus fernen Ländern, die von Heldentaten der Armeen künden. Sogar die Götter sind dem Herrscher wohlgesonnen – beteuern die Priester. Widerspruch, Zweifel, Kritik, unerwünschte Fakten und lästige Paradoxien müssen draußen bleiben. Überbringer widriger Nachrichten lässt der Kaiser umbringen. Ein hermetisches Weltbild fordert eben Opfer.

Solch eine sich selbst bestätigende Wunschwelt aufrecht zu erhalten ist damals eine blutige und aufwändige Angelegenheit. Nur die herrschende Elite kann sich eine derart rosinengepickte Realität leisten, in die nichts einsickert, was den eigenen Standpunkt auch nur anrempeln könnte.

Fast forward: Rund zweitausend Jahre später kann sich ungefähr jeder Zeitgenosse ein völlig eigenes faktenresistentes Weltbild zulegen – und das sogar ganz ohne irgendwelche Boten zu meucheln. „Filterbubble“ nennt dieses Prinzip der Feuilleton-gefütterte Bildungsbürger, meist mit leicht spitzfingerigem Tonfall – in etwa so, wie er auch „Hauptschulabschluss“ betont – und meint damit natürlich nicht das eigene FAZ-zentrische Informationsverhalten, sondern das der gemeinen Netzbewohner.

Der amerikanische Rechtswissenschaftler und Politik-Aktivist Eli Pariser erwähnte den Begriff Filterbubble erstmals in einem New-York-Times-Artikel im Jahr 2011, und er wollte damit auf die Gefahren hinweisen, dass Individualisierungstechniken von Suchmaschinen den Nutzern irgendwann mal keine anderen Sichtweisen mehr präsentieren, außer den eigenen – ein überwiegend theoretisches Gedankenexperiment.

Vom Gedankenexperiment zum Lieblingsthema

Seitdem ist die Filterblase hauptsächlich ein Lieblingsthema der bereits erwähnten bürgerlichen Feuilletons, um immer wieder technologiepessimistische Texte darum herum zu basteln. Irgend ein Morozov oder Lanier findet sich schließlich immer, um einen unheilvollen Refrain dazu zu raunen.

Innerhalb meiner eigenen Filterbubble hingegen wurde die Existenz von Filterbubbles lange vehement bestritten.

Das ist jetzt nicht mehr so.

Allerspätestens mit dem Auftauchen der *gida-Gruppen und den dazugehörigen „Lügenpresse“-Chören sind Filterblasen kein theoretisches Phänomen und kein lustiges Gedankenspiel von Republica-Besuchern mehr, sondern Realität im Netz und auf der Straße.

Der Wissenschaftler Gerret von Nordheim hat die Twitterströme rund um den Münchner Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum analysiert und dabei eindeutig eine Gruppe Filterblasenbewohner identifiziert. In den rund 85.000 untersuchten Tweets fand von Nordheim zwei Hauptcluster. Einer formierte sich rund um den Account der Münchner Polizei. Er enthielt überwiegend Tweets von klassischen Nachrichtenmedien wie Spiegel Online, Tagesschau, Zeit Online, ZDFheute, usw. Auch dort zu finden: viele Journalisten, die privat twitterten, sowie einige Politiker. Im zweiten, etwas kleineren Cluster fanden sich diverse AfD-Ortsverband-Twitterer und etliche Privatleute. Der Tweet mit der größten Reichweite innerhalb dieses Clusters lautete „Deutschland im Visier des islamistischen Terrors! Nun muss das deutsche Volk für die Fehler der Regierung Merkel bluten“ und stammt von einem AfD-Account.

Wir erinnern uns: Es gab während des Amoklaufs niemals auch nur dürftige Hinweise darauf, dass der Täter mit islamistischem Hintergrund unterwegs war. Solche Fakten allerdings waren dem zweiten Twitter-Cluster völlig egal: Hier schimpften Twitterer über Medien- und Politik-Versagen, hetzten gegen Moslems und erklärten Flüchtlinge zu Terroristen. Wechselwirkungen, Retweets, Antworten zu dem ersten, nachrichtlichen Cluster gab es kaum. Was aber diese Filterbubble endgültig eine geradezu Nero-esque Qualität verleiht: Das Verhalten der AfD-nahen Twitterer änderte sich auch dann nicht, als längst bekannt war, dass der Mörder ein verstörter deutscher Jugendlicher mit rassistischen Tendenzen war – und somit alles andere als ein islamistischer Terrorist. In dieser Blase waren immer noch Merkel, der Islam an sich und irgendwie auch alle Flüchtlinge die wahren Münchner Massenmörder.

Die Ursachen des Phänomens

Wissenschaftler sehen bei diesem Phänomen zwei Ursachen am Werk: Zum einen den so genannten Bestätigungsfehler, also die Tendenz der menschlichen Wahrnehmung, Informationen zu bevorzugen, die den eigenen Überzeugungen und Hypothesen entsprechen. Was nicht ins persönliche Weltbild passt, muss gelogen sein, oder mindestens ein Irrtum. Zum Zweiten den Effekt der Gruppenpolarisierung, also einer Art getwittertem Permanent-Schulterklopfen und -Kopfnicken. So falsch kann die eigene Weltsicht ja wohl nicht sein, wenn sie ständig, Tweet für Tweet bestätigt wird!

Beide Verhaltensmuster sind natürlich nicht neu. Auch in der Ära der Papiermedien konnte man sich Publikationen zusammensuchen, die ausschließlich die eigene Position fütterten. Das war aber ungleich schwieriger, und: Je abwegiger die Überzeugungen, um so dünner war das mediale Futter. Anhänger der Chemtrail-Theorie, die bekanntlich besagt, die Flugzeug-Kondenzstreifen am Himmel seien in Wahrheit Gift/Chemie/klimaveränderndes Zeugs, konnten auch vor 20 Jahren zwei, drei Bücher erstehen, die diese, äh, These stützten. Dann war aber Schluss. Vermutlich ließ man solcherlei Theorien also irgendwann aus Langeweile zu Hause im Regal verstauben. Anders heute: In Facebook-Gruppen, über Twitter, über Youtube-Channels kann man Unterfütterungen für die absurdesten Weltbilder einsammeln – und zwar reichlich und jeden Tag neu. Langeweile kommt da nicht auf.

Ähnlich sieht es mit dem Bestätigen in und aus der Gruppe aus. War man vor 20 Jahren vielleicht noch der einzige wirrköpfige Chemtrail-Dozent in der Dorfkneipe, so ist man heute der einzige wirrköpfige Chemtrail-Dozent in der Dorfkneipe, der außerhalb der Dorfkneipe 2.000 Twitter-Follower und eine 500-köpfige Facebook-Gruppe hat, deren Mitglieder einem ständig positive Verstärker senden.

Girl meets Boy in a Bubble

Die Algorithmen sind nicht schuld

Die besagten technologiepessimistischen Feuilletons suchen in ihren technologiepessimistischen Artikeln die Ursachen für die zunehmende Filterbubbelei aufgrund ihrer technologiepessimistischen Sichtweise naturgemäß an der falschen Stelle: im Zweifelsfall sind für sie immer böse Algorithmen aus US-amerikanischer Internet-Konzern-Fertigung Schuld an ungefähr allem digitalem Übel. Ein typischer Fehlschluss, der häufig in technologiepessimistischen Filterbubbles entsteht.

Weder Facebooks Sortier-Ranking „Edge“ noch Googles Versuche der individualisierten Ergebnisausgabe kleben die Filterblasen dicht. Die Bubbles sind pure Handarbeit. Algorithmen sind bislang schlicht zu dumm für die Herstellung solch filigraner Filtergebilde und werden das auf absehbare Zeit auch bleiben. Sogar biologischen Netznutzern bleiben Ironie, Sarkasmus, Doppeldeutigkeiten und Wortspiele schließlich oft genug verschlossen. Bis irgendwann irgendein Stück Software die Satzbausteine eines Martin Sonneborn von denen eines Guenther Oettinger unterscheiden kann, wird noch so manche Ode ans brennende Rom gedichtet.

Als Demokrat, als Freund der Aufklärung und des zivilisatorischen Fortschritts kann die Vorstellung einer komplett zerbubbelten Gesellschaft ein mittelschweres Gruseln auslösen. Wie ließe sich ein wenigstens noch rudimentärer Wertekonsens aushandeln, wenn jeder eine zusammengesammelte Tüte Faktoiden mit zu den Verhandlungen bringt? Und dazu einen Container an persönlich zusammengeklebten Interpretationen dieser Wahrheitsscherben?

Follow, unfollow, subscribe, unsubscribe, block and again: Filterbubbles sind handgefertigt, mit Hilfe digitaler Werkzeuge zwar, aber in höchstindividueller Manufaktur. Und das macht die ganze Angelegenheit viel schwieriger als wären die Blasen made in Silicon Valley oder sonstwo. Die Kunst des Blasenbastelns ist nämlich praktisch identisch mit der Kunst des Informationsmanagements im 21. Jahrhundert. Wer seine Nachrichtenfeeds sortiert, seine Expertenbookmarks sammelt, Menschen und Medien folgt, denen er vertraut, Trolle und Hater blockt, sich Communities sucht, die seinen Interessen entsprechen, der kann sich mit genau den gleichen Handlungen eine wunderhübsch kuschelig-dichte Blase basteln – einfach, in dem er all das übertreibt.

Auch in der persönlichen Informationsökonomie gilt also Paracelsus’ „Nur die Dosis macht das Gift.“ Und wie bei Alkohol und Netflix-Serien ist das richtige Dosieren ein immer wieder aufs Neue schwieriges Projekt. Die unspektakuläre und unbequeme Lösung lautet: Selbstkontrolle, Selbstkritik, Selbsthinterfragung – was zu dem amüsanten Paradoxon führt, dass man mitunter intern genau das selbst erledigen muss, was man mühsam extern herausgefiltert hat.

Bei Nero klappt das auch ganz am Ende des Films nur so mittel: „Ich wollte niemals ein Scheusal sein, die Götter wollten es“, klagt er. Der Filter hält.

(Ursprünglich erschienen auf t3n)

Hong Kong verstehen in 25 Minuten

Al Jazeera hat einen wunderschönen kleinen Film über Hong Kong produziert, genauer: über drei junge Hongkonger, die ihre Freizeit auf Hochhausdächern verbringen, um kurzfristig auch mal über einer Gesellschaft zu stehen, die ansonsten nichts mit ihnen anzufangen weiß, die junge Menschen nicht mag, wie einer der Protagonisten sagt.

Vom verkorksten Verhältnis zwischen Hong Kong und Festland-China, von der Umbrella-Revolution zur Meatball-Revolution, zur aktuellen, Unabhängigkeitsbewegung: eine famose kleine Doku über drei Freunde in Zeiten des Wandels an einem der erstaunlichsten Orte dieses Planeten.

(A pro pos: Hier meine Hong-Kong-Fotos)